Die Schreibwerkstatt

 Informationen dazu gibt's bald...   in der Zwischenzeit hier ein Text aus der Schreibwerkstatt 2017:

 

DER SPITZENKRAGEN  von Gertraud Patterer

 

„Was muss ich nach unten hin anziehen, wenn ich diesen knorrig gelben Spitzenkragen trage?“ denke ich, klein noch und ein Mädchen. Er liegt vor mir, ich greife ihn an, lege ihn mir endlich um den Hals, schaue in die Fensterscheibe und sehe mich wie den blühenden Zwetschkenbaum.

 

Der Kragen gehört der Wiene, einer Alten in unserem Haus. Und die ist sehr streng. Lebt in der dunklen Holzkammer mit Herd, Tisch, Stuhl und hat den Spitzenkragen, besitzt ihn ganz.

 

Wenn sie nur nicht heimkommt! Ich verzweifle fast, will aber den Kragen einmal eine Stunde lang tragen. „ Garten, wehre sie ab!“, bete ich.

 

Da kommt sie, sieht mich sofort. Was jetzt folgt, erzähle ich nicht. Sie hat Hände wie Schaufeln. Im Dorf redet man laut und lange über meinen Fehler. Und zu mir: „ Warum wartest du nicht, bis du im Spitzenalter bist? Jetzt hast du alles verpatzt.“

 

Beim Wienesterben hebt sie mir den Kragen her. Ich trage ihn über dem Gewand zur Sonntagsmesse. Und bin es endlich, was ich sein will.

 

In den Augen der Kirchleute kann man `s lesen: Wie sie mir den Spitzenkragen heute wieder abnehmen.